In Zeiten von.

In Zeiten von.

„In Zeiten von …“ ist wohl momentan der am meisten genutzte Satzanfang in der deutschen Medienlandschaft und respektive kann man davon ausgehen, dass das auch für die restliche Welt gilt, nur dann eben übersetzt „In times of …“ oder „Ai tempi di …“. Nur für den deutschen Satzanfang, bzw. Satzteil, kommen ungefähr 243.000.000 Google-Ergebnisse (in 0,39 Sekunden) zusammen. Das ist viel. Es ist ein Satzanfang, der keine Fragen offen lassen will. Eine Worthülse, die, gefüllt mit dem richtigen Text danach, gradezu herausschreit, dass genau in diesem Moment echte Geschichte in der Mache ist. In diesem besonderen Fall natürlich ist „In Zeiten von Corona“ gemeint.

In Zeiten von, also. Schauen wir einmal genauer hin.

Es handelt sich um einen Satzanfang temporaler Natur. Die Zeit, bzw. alle vorherigen Zeiten oder Zeiträume werden zunächst als bewusst wahrgenommen vorausgesetzt und in der gesamten Zeitspanne vom Anbeginn der Zeit bis Heute zusammengefasst. Die Aussage: Genau jetzt ist es anders. „Zeiten“ bildet dabei als Plural nicht eine Epoche oder eine klar definierte Zeitspanne ab. Der kausale Zusammenhang und zeitliche Umfang oder Abschnitt wird erst klarer, wenn man das später hinzugefügte Nomen betrachtet. Denn „In Zeiten von“ benötigt nur ein hinzugefügtes, sinnstiftendes Nennwort, um zu großer Geschichte heranzuwachsen. Im Jahr 2020 sind es die Worte „Corona“, „Covid“ oder vielleicht noch „Trump“.

Doch es gab auch schon früher ein „In Zeiten von“. In Zeiten von 9/11 z.B. definiert keinen genauen Zeitrahmen. 9/11 ist hier der Startpunkt. Aber sind wir jetzt, 2020, immer noch in Zeiten von 9/11 oder sind die politischen und geopolitischen Spätfolgen der Anschläge vom 11. September 2001 auszuklammern? „In Zeiten von Greta“ kann man ebenso kaum festmachen. Greta, hier ist die Umweltaktivistin Greta Thunberg gemeint, hatte die Medien über Monate fest im Griff, bevor das große C kam. Hier kann man also sagen, dass „In Zeiten von Greta“ eine Abhandlung dessen folgen würde, was sich in etwa um die letzten zwei zurückliegenden Jahre dreht und sich dem großen Bereich des Klimawandel widmet. Geht man von einem Beispiel aus wie „In Zeiten von Sonneneruptionen“ oder „In Zeiten von schwarzen Löchern“ wird es noch unklarer, welcher genaue Zeitrahmen jetzt gemeint ist. Der Satzanfang beschreibt in beiden Fällen nichts konkretes. Beides könnte jetzt sein. Oder schon lange vergangen.

Wozu ist „In Zeiten von“ also gut?

„In Zeiten von“ verbietet das Kleindenken und analysieren. Es ist das neue „Das ist jetzt eben so“ und muss auch so hingenommen werden. Das neue „Da kann man nix machen“. Eine Phrase, die jetzt dazugehört und besondere Vorsicht geltend machen will – und in Anbetracht der ganzen Geschehnisse rund um das große C auch muss.

„In Zeiten von“ bleibt aber auch immer noch ein Hilferuf nach der alten Zeit, als noch alles normal, ja, besser war. Es weint ein bisschen, unser „In Zeiten von“. Aber es ist auch stark, denn es hat Charisma und trägt zumeist die Botschaft der Unmittelbarkeit des Moments, in dem wir uns alle befinden. Dem Jetzt.

Nur eines ist „In Zeiten von“ nicht. Optimistisch der Zukunft entgegen. Schade eigentlich, denn das wäre „In Zeiten von“ doch wohl wirklich schön gewesen …