„Apfel+“ oder: Gedanken über Kunst und Design

Der Apfel ohne Stiel

Seit ich Designer bin, habe ich das unweigerliche Gefühl, dass mir etwas fehlt.
Nein. Nicht ein normaler Lohn, der dem eines studierten Menschen entspricht,
eher etwas Lifestyle. Etwas, was man nicht braucht, aber trotzdem haben will.
Ich rede von einem Apple-Produkt. Einem Produkt, welches aus seiner Einfachheit
heraus das Beste in seinem Feld ist. Ich mag die Simplizität. Einfach bis ins Detail.
Könnte man sagen. Natürlich steckt dahinter immer der Weg des maximalsten
Widerstandes, denn der Designer muss sich unweigerlich damit auseinandersetzen
erst einmal alles zu hinterfragen, dann daraus einen riesiges Gedankenkonstrukt zu
erschaffen, alles über den Haufen zu werfen und schließlich mit einer seiner milliarden
Lösungen konform zu gehen. Findet er seine Lösung, so ist die Arbeit nicht vorbei,
denn es muss noch geschliffen und poliert werden.
Eine Idee ist immer nur die Idee von einer Idee. Die Arbeit kommt danach. Der Designer
nimmt nun also alles von seiner Idee weg, was sie fett und hässlich macht. Den Ballast.
Am Beispiel eines Apfel wäre es der Baum, dann später die Blätter und zu guter Letzt
der Stiel. Schön einfach. Umbruch.

Ich schrieb einmal an meine Wand der Sprüche: „Soll Einfachheit das letzte Ziel
der Kunst sein?“ Jetzt kann ich die Antwort geben. Nein.
Einfachheit ist nichts für die Kunst. Die Kunst hat Schwere nötig und verdient.
Die Einfachheit soll dem Design zugeordnet werden, denn das Design ist meist dann
ein gutes, wenn es einfach ist. So einfach, dass Sie sagen würden: „Hey, das ist
doch keine gute Idee, da wäre ich selber drauf gekommen.“ Sind Sie aber nicht.
Und das macht den Unterschied zwischen Ihnen und einem Designer.

Nochmal zurück.
Der Apple-Mensch sitzt nun also da und hat einen glattpolierten Apfel. Sieht toll aus.
Die Idee ist fertig. Alle sind begeistert. Nur er nicht. Nein. Er nicht. Warum er nicht?
Weil jemand, der nach Perfektion strebt nicht begeistert sein, oder gar fertig sein kann.
Diese Person ist verdammt sich direkt wieder an den Schreibtisch zu setzen und über
wichtigere Dinge nachzudenken. Zum Beispiel das nächste Produkt, das nächste Poster,
den nächsten wirtschaftlichen Umschwung oder ein Stück Weltverbesserung. Und das
tut er, weil er nicht anders kann. Er wurde so erzogen. Und er tut es für einen Hungerlohn.
Auch anerzogen. Oft tut er es sogar mit Herz und Seele. Nicht anerzogen, aber am wichtigsten.

Es ist nicht einfach Einfachheit zu erschaffen.
(It is not simple to create simplicity.)

Gruß
Stefan Kuhnigk

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